Aus Mangel an Bewegung

Ein Volk leidet an Rückenschmerzen. Unzählige Studien und Statistiken weisen zwischen 30 und 60 Millionen Menschen in Deutschland als Betroffene aus. Wir zeigen, warum Menschen über Rückenleiden klagen und wie Sie ihnen begegnen können.

Es trifft fast jeden. Vier von fünf Menschen in Deutschland leiden in ihrem Leben mindestens einmal an Rückenschmerzen. Die Ausprägungen hingegen sind so unterschiedlich wie die Methoden, mit denen die Schmerzen bekämpft werden. „Die Bandbreite reicht vom Hexenschuss über den Bandscheibenvorfall bis zu Arthrose, Osteoporose und schweren Nervenschädigungen“, weiß Dr. Jens Enneper, der in seiner Kölner Praxis „Orthopädie und Sport“ zahlreiche Patienten mit Rückenleiden behandelt.

Teures Zwicken

Längst ist hierzulande ein Streit entbrannt, wie man dem Volksleiden der Deutschen begegnen kann. Die Diskussion darüber ist angesichts der erdrückenden Kostenlast verständlich. Denn Rückenschmerzen kommen das deutsche Gesundheitssystem teuer zu stehen: Geschätzt verursachen sie Kosten von 50 Milliarden Euro pro Jahr. Die Summe enthält Kosten für Arztbesuche, Krankenhaus-Aufenthalte, Rehabilitations-Angebote, Physiotherapie, Massage oder Arzneimittel sowie indirekte Kosten wie Arbeitsausfall und Berentung. Im Jahr 2012 waren Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems dem „DAK Gesundheitsreport“ zufolge für fast ein Viertel der krankheitsbedingten Ausfalltage verantwortlich. Tendenz steigend.

Jens Enneper, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt, ist fest davon überzeugt, dass die Rückentwicklung natürlicher Bewegungsformen für die Zunahme des Rückenleidens in Industrienationen wie Deutschland mitverantwortlich ist. „Bis vor 100 Jahren haben die Menschen Tag für Tag gut 20 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, heute ist es im Durchschnitt nicht mal mehr einer“, so der Experte. Die Gesellschaft ist bequem geworden. Dabei ist Bewegung wichtig, um die Wirbelsäule funktionstüchtig zu halten. „Ohne eine regelmäßige Aktivität verkümmert nicht nur die eigentlich stabilisierende Rückenmuskulatur. Zudem werden die Wirbelkörper porös, und die Bandscheiben verlieren ihre Elastizität“, erklärt Jens Enneper.

Und gerade weil der Mensch sich immer weniger bewegt, reagiert der Körper zunehmend sensibler auf Überbelastungen. Außerdem überschätzen viele ihre eigenen Kräfte und körperlichen Möglichkeiten, wodurch schon das einfache Transportieren einer Kiste zu akutem Rückenschmerz führen kann. „Generell achten die meisten Menschen bei ihren alltäglichen Bewegungen nicht darauf, diese auch rückenschonend auszuführen“, warnt der Mediziner.

Meist keine klare Diagnose
Rückenschmerzen entstehen meist allmählich, verändern sich, werden kompensiert. „Viele Betroffene nehmen die Schmerzen nicht besonders ernst, solange sie erträglich sind“, weiß Jens Enneper. „Wer aber seine Rückenbeschwerden still akzeptiert, der riskiert, dass die Schmerzen chronisch werden und letztendlich die eigene Lebensqualität beeinträchtigen.“ Oft lassen sich bei Schmerzgeplagten, die erst nach Wochen einen Arzt aufsuchen, die vielfältigen Symptome nicht mehr eindeutig zuordnen. Denn nur ein Bruchteil der Rückenpatienten leidet unter Schmerzen, die auf konkrete organische Ursachen zurückzuführen sind. Für die anderen lassen sich trotz aufwändiger Diagnose keine eindeutigen Auslöser feststellen. Das heißt: Teure bildgebende Verfahren wie Kernspin- oder Computertomographie zeigen keine Veränderungen der Wirbel oder Bandscheiben. In vielen Fällen stehen also die subjektiv empfundenen Schmerzen in keinem Verhältnis zu den medizinischen Untersuchungsergebnissen.

Eine Diskrepanz, die ein Umdenken der Mediziner in Gang gesetzt hat: Statt einem Zuviel an Diagnostik, stehen heute eine Schmerzlinderung im Akutfall sowie die Kräftigung auf Dauer in der Therapie an erster Stelle. „Der Großteil der Rückenprobleme kann in der Tat sehr zurückhaltend behandelt werden. Manchmal genügt schon die Aufklärung des Patienten, dass er seinen Lebensrhythmus beibehalten soll“, erklärt Jens Enneper. Statt einer tagelangen Schonung, bei der sich die Muskulatur nur noch mehr verkrampft, ist es also ratsam, in Bewegung zu bleiben. Genau hiervor haben allerdings viele Betroffene Angst. Wer aber die schmerzenden Körperhaltungen gänzlich vermeidet, riskiert eine dauerhafte Fehlstellung. „Man sollte aber beispielsweise nie versuchen, sich mit Gewalt aufzurichten, sondern dies eben nur sehr langsam und nur so weit es geht praktizieren“, erklärt Jens Enneper, der seine Patienten generell zu einer aktiven Mitarbeit auffordert.

Denn eine regelmäßige Bewegung beugt nicht nur der Gefahr vor, an Rückenschmerz zu erkranken. Auch als Therapieformsind viele sanfte Sportarten geeignet. „Man muss den Patienten ein-fache Bewegungsformen nahelegen“, erklärt Jens Enneper, der eine gute Fitness für die beste Voraussetzung hält, den Schmerzen zu enteilen. Sein Credo: „Bleiben Sie auch bei Rückenschmerzen in Bewegung.“

Also runter vom Sofa und aktiv werden!

 

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