Eine Woche offline


Kein Smartphone, kein Laptop! Kein Facebook, sogar keine SMS. Geht das? Unser Autorin Alexandra Arendt hat das Experiment gewagt – und war nach einer Woche verwundert, was dabei herausgekommen ist.

Zahlreiche Fragen schwirren durch meinen Kopf. Bekomme ich überhaupt noch mit, was in der Welt los ist? Werde ich die Bahn verpassen, weil ich nicht nachschauen kann, wann sie kommt? Wie reagieren meine Freunde, wenn sie mich nicht erreichen können? Um mir unnötigen Ärger zu ersparen – und ein bisschen auch, um mein Gewissen zu beruhigen – schreibe ich meinen Lieben: „Über soziale Netzwerke, Whatsapp und mein Handy bin ich eine Woche nicht erreichbar“. Ich zögere kurz, hole tief Luft, schalte dann mein Handy aus und fahre den Laptop herunter.



Tag 1: Infos aus der Zeitung

Der Montagmorgen startet direkt mit der ersten Veränderung. Im Normalfall weckt mich mein Handy mit meinem Lieblingssong. Diesmal ist es der schrille Ton meines alten Weckers, den ich aus einer Kiste aus dem Keller hervorgekramt habe. Normalerweise checke ich nach dem Aufstehen meine Mails, schaue, was es Neues auf Facebook gibt und informiere mich auf den gängigen Onlineportalen, was in der Welt so passiert ist. Ich merke sofort: Der Blick auf mein Smartphone kostet mich pro Tag einige Minuten, wenn nicht sogar Stunden. Ich werde also jetzt viel Zeit haben, andere Dinge zu tun. Dinge, die erledigt werden müssen und Dinge, auf die ich einfach Lust habe. Ich habe ein gutes Gefühl, fast Vorfreude. Was werde ich für mich herausfinden?
Schon nach ein paar Minuten ist das gute Gefühl nichtmehr da. Ich bin nervös, schließlich könnte ich etwas verpassen. Ich drehe das Radio an. Seit ein paar Monaten habe ich es nicht mehr angerührt und fast vergessen, dass ich eines besitze. Leider nur Staunachrichten. Anschließend läuft „Call me maybe“. Ein Song, der Erinnerungen an den vergangenen Sommer weckt. Meine Laune steigt sofort an und ich tanze durchs Zimmer. Bis mir einfällt, dass ich immer noch nicht weiß, was in der Welt los ist. Also mache ich mich auf dem Weg zum Bäcker und kaufe mir zum ersten Mal seit langer Zeit eine Tageszeitung.
Ich mache es mir auf dem Balkon gemütlich und studiere die Zeitung. Ich entspanne und merke, wie mir das gefehlt hat. Dann verlasse ich das Haus. Normalerweise schaue ich mindestens alle 30 Minuten auf mein Handy, ob eine Nachricht oder ein Anruf eingegangen ist. Es fühlt sich überraschend gut an, nicht erreichbar und frei von allen digitalen und elektronischen Zwängen zu sein. Zumindest so lange, bis ich vor dem nächsten Problemstehe. Ich muss dringen meine Studiengebühren überweisen. Die Frist läuft in drei Tagen aus. Mit Onlinebanking wäre das kein Problem. Da meine Bank in Köln keine Filiale hat, ist eine Fahrt zur Bank mit mehreren Stunden Bahnfahrt verbunden. Wieder zuhause rufe ich vom Festnetz bei meiner Filiale an. Zum Glück kennt man sich auf dem Dorf und ich kann meine Überweisung auch telefonisch durchgeben.



Tag 2: Selbst ist die Frau
Heute habe ich mir einige Erledigungen vorgenommen. Mein Fahrrad muss dringend repariert werden. Also mache ich mich mit dem Rad im Schlepptau auf den Weg zur Bahn. Und zack. Da fährt sie mir vor meiner Nase weg. Der Blick auf die Anzeige verrät: 15 Minuten warten. Das wäre mir mit Smartphone nicht passiert, normalerweise schaue ich vorher, wann die nächste Bahn kommt. Da das nicht geht, fange ich an, die Zeiten der Straßenbahn auswendig zu lernen – so wie früher als Kind, als ich jede Abfahrtszeit an der Bushaltestelle kannte.
Als ich endlich in der Bahn sitze, fällt mir auf, wie viele Leute auf ihr Handy starren oder am Laptop arbeiten. Bis auf ein Mädchen, das verträumt durch die Gegend schaut und einen älteren Herrn sind alle Menschen mit ihren Mobilgeräten beschäftigt. Das war mir nie so bewusst. Vermutlich, weil ich auch dazu gehöre. Erschreckend.
Am Radladen angekommen, sehe ich ein Schild: „Diese Woche wegen Umbauarbeiten geschlossen“. Verdammt! Normalerweise hätte ich vorher im Netz nach den Öffnungszeiten geschaut. Den Rest des Tages verbringe ich damit, mein Rad selber zu reparieren. Das dauert zwar lange, ist aber deutlich günstiger. Und ein bisschen stolz bin ich auch, als ich fertig bin.


Tag 3: Der Versuchung widerstanden
Ich denke darüber nach, das Experiment abzubrechen und nur einmal ganz kurz in meinen Facebook-Account zu schauen. Aber ich bleibe stark. Es ist wie in der Fastenzeit. Diesmal will ich es schaffen. Mit Süßigkeiten geht es schließlich auch. Am Nachmittag ruft mein Vater an und fragt, ob ich seine E-Mail nicht bekommen hätte? Meine SMS hatte er noch nicht gelesen. Ich erkläre mein Experiment und ernte Beifall. Statt E-Mails hin- und her zu schicken, unterhalten wir uns mal lange. Schon damals, als es los ging mit dem Netz, war meine Familie nicht begeistert. „So was brauchen wir nicht“, war die Antwort auf meine Bitte, auch endlich online gehen zu dürfen. Da in meinem Dorf die Leitung aber erst sehr spät verlegt wurde, zählte ich zu den Letzten in der Schule, die Internet hatten. Damals war das für mich etwas Besonderes. Heute ist es Alltag – und wird zu einem Riesenproblem, wenn es mal langsam läuft oder gar keine Verbindung hergestellt werden kann.
Abends bin ich in der Stadt verabredet. Mit einer Freundin möchte ich in den Biergarten und den lauen Sommerabend genießen. Da ich spät dran bin, vermisse ich mein Handy, um mal eben Bescheid sagen zu können, dass es bei mir etwas später wird. Stattdessen frage ich im Kiosk neben der Bahnstation, ob ich kurz telefonieren kann. Ich darf. Als Dank kaufe ich noch eine Packung Kekse und gebe etwas Trinkgeld. Gut gegangen. Wir verpassen uns nicht.



Tag 4: Toller Tag mit der Freundin
Meine Motivation, aktiv in den Tag zu starten, verabschiedet sich mit einem Blick aus dem Fenster. Alles ist grau, es regnet in Strömen. Im Radio wird eine Unwetterwarnung durchgegeben. Ein guter Tag also, um zu lernen oder aufzuräumen. Oder um lustige Videos auf Youtube zu schauen und mal wieder längere E-Mails an meine Freunde in Übersee zu schreiben. All die schönen Ablenkungen, die das Internet einem ermöglicht, kommen mir in den Kopf. Schade. Also doch lernen und Aufräumen.
Irgendwann brauche ich Ablenkung. Ich krame meine alten Urlaubsfotos aus einer Kiste hervor und rufe meine beste Freundin an. Ich schlage einen Urlaubsfoto-Erinnerungsnachmittag mit Musik und Waffeln vor, wie wir ihn schon lange geplant hatten. Zwei Stunden später sitzen wir lachend im Zimmer und schwelgen in Erinnerungen. So viel Spaß beim Anschauen echter Fotos hatten wir schon lange nicht mehr.



Tag 5: Einsamer Freitagabend
Heute habe ich das Gefühl, der „Sucht“ langsam zu entkommen. Ich denke den ganzen Vormittag nicht einmal daran, mein Handy oder den PC zu benutzen. Da die Sonne sich wieder blicken lässt, schnappe ich mein repariertes Fahrrad und mache eine Tour an den Rhein. Im Park stelle ich fest, wie entspannend es ist, mal wieder ein Buch zu lesen und die Natur zu genießen. Dazu echtes Vogelgezwitscher! Ich denke kurz an den Vogelzwitscher-Nachrichtenton, den mein Handy im Normalfall etwa im Viertel-Stundentakt sendet und stelle fest, dass es in echt doch immer noch am besten klingt.
Am Nachmittag fühle ich mich ein wenig abgeschottet von der Welt. Freitagabend steht vor der Tür und es hat sich noch niemand für die Abendplanung gemeldet. Im Freundeskreis werden Verabredungen über Facebook oder in Whatsapp-Gruppen geplant. Wer offline ist, verpasst die Treffen. Meine Freunde wissen von meinem Experiment. Ob sie trotzdem versuchen mich zu erreichen?
Zum Glück ist abends Training. Aber als ich an der Halle ankomme, stehe ich zum zweiten Mal in dieser Woche vor verschlossenen Türen. Was ist da los? Ich verstehe nichts. Da die Trainingszeiten immer über Facebook bekanntgegeben werden, scheine ich eine wichtige Info verpasst zu haben. Mir bleibt nichts anderes übrig, als wieder nach Hause zugehen und stattdessen eine Runde durch den Park zu joggen.



Tag 6 und 7: Entspannter Kurztripp
Die Woche ging schnell um. Schon ist Wochenende und da wir beide Zeit haben, planen mein Freund und ich einen Wochenendausflug. Unser Ziel fällt auf Holland. In weniger als drei Stunden kann man von Köln aus am Meer sein. Aus Solidarität will mein Freund sein Handy auch zu Hause lassen. Trotz Ferienzeit verzichten wir darauf, im Internet einen Zeltplatz zu buchen und wollen versuchen, auf gut Glück einen Schlafplatz zu finden. Da wir kein Navi haben, kommt die Europa-Straßenkarte mit ins Gepäck. Wir suchen die beste Route heraus. Ich habe mir den Weg so gut gemerkt, dass ich während der Fahrt gar nicht mehr auf die Karte schauen muss. In Holland angekommen merke ich schnell: ein Kurzurlaub am Wasser zu zweit braucht keine digitalen Medien: An diesem Wochenende fehlen uns Internet und Handy nicht eine Sekunde.



Der Tag danach: Keine Reue

Ich bin entspannt. Ich fühle mich nicht gestresst und gehetzt. Ich habe viele schöne Stunden in der Natur erlebt, die ich ansonsten vor meinem Computer verbracht hätte. Meine Freunde sind immer noch meine Freunde. Mein Handy hat immer noch Akku. Ich kenne die KVB-Zeiten von vier Haltestellen auswendig. Mein Rad ist repariert, mein Zimmer ist aufgeräumt und meine Wohnung geputzt. Und ich habe mich mit vielen Menschen unterhalten. Trotzdem, ich kann es nicht abwarten, wieder Online zu gehen. Es tut gut, das Handy wieder in die Hand zu nehmen. Aber der Gedanke, wie viele Nachrichten und überflüssige Mails auf mich einprasseln werden, lässt mich plötzlich stutzig werden. Ich fühle mich nicht bereit dafür und gehe stattdessen erst noch eine Runde laufen. Die Mails können warten - auf die eine Stunde mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an.
Auf dem Rückweg komme ich am Kiosk vorbei und kaufe mir auch für heute die Tageszeitung. Während ich sie lese, fährt der Laptop hoch: 275 E-Mails. Der Alltag hat mich wieder. Aber bevor ich die erste öffne, nehme ich mir vor, auch in Zukunft den ein oder anderen „Offline-Tag“ einzulegen.

 

Fotoquellen:

- Patrizia Tilly/fotolia.com

- Marcel Kalwa/fotolia.com

Datum der Veröffentlichung: 07.05.2015
Beitragsverfasser: active women

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