Hilfe, ich nehme zu

Es gibt Zeiten, in denen die Ernährung aus dem Ruder läuft. Woran es liegt und wie Sie gegensteuern, erfahren Sie hier.

Eine gesunde Ernährung ist kein absoluter oder fester Zustand. Vielmehr ist es ein ständiges Hinterfragen und Entwickeln des eigenen Wohlbefindens, des eigenen Ich-Gefühls. Genau dem geht die Diplom-Psychologin und Sportmentaltrainerin Claudia Bender aus Allendorf bei Gießen in ihrem Buch „Das neue Ich-Gefühl. Weil gesunde Ernährung einfach glücklich macht“ auf den Grund. „Auf einer Entdeckungsreise zu uns selbst, zu unserem eigenen Ich, finden wir auch den Ernährungszustand, der uns glücklich macht“, weiß die Psychologin, „Auf diesem Weg gibt es aber immer wieder auch einige Fallen – das merkt man an einem Essverhalten, das uns nicht guttut und natürlich auch auf der Waage Spuren hinterlässt.“ „Hilfe, ich nehme zu“, heißt es dann – drei unterschiedliche Fälle wurden analysiert.

 

Fall 1: Zunehmen nach dem Abnehmen

Sara, 24, hatte im vergangenen Jahr 20 Kilo gesund abgenommen, freute sich riesig über ihr neues Körpergefühl – und trotzdem futterte sie sich langsam, aber sicher wieder die Pfunde an. Nach sechs Monaten sind schon sieben Kilo wieder drauf.

 

Was passiert? Eigentlich schrumpfen durch ein optimistisches Lebensgefühl, das mit einem erfolgreichen Gewichtsverlust meist einhergeht, ungewollte oder falsche Verhaltensweisen automatisch. Doch es ist auch nicht so, dass ein schlanker Körper Sie selbst oder das Leben per se wertvoller macht. Alte Probleme lösen sich nicht in Luft auf – und die Unzufriedenheit von einst kann auch einer Hochphase urplötzlich wieder ein Ende bereiten.

 

Heikes Weg zum Ich-Gefühl. Manchmal müssen wir den Platz für Neues bewusst schaffen – so wie wir hin und wieder einen Raum umgestalten, die Möbel verrücken, neue Bilder aufhängen. Wenn das Gewicht immer wieder hoch und runter geht, dann sollten Sie die „Wohlfühlwaage“ konsultieren, sagt Claudia Bender: „Fragen Sie sich, wie viel seelischen Ballast Sie mit sich herumtragen, welche hemmenden Faktoren es in Ihrem Leben gibt.“ Notieren Sie einfach, was Sie immer wieder unzufrieden macht – ob Zeitdruck, mangelnde Anerkennung, das Gefühl, um jede Kleinigkeit kämpfen zu müssen, das Singledasein oder die Beziehung. Ein solcher Check gibt Ihnen ein erstes Gefühl dafür, wie Sie Ihr Leben in eine völlig neue Harmonie bringen können.

 

Übung fürs Ich-Gefühl. „Das Leben ist wahrlich zu kurz, als dass Sie es nur grummelnd und verärgert zubringen sollten“, weiß die Psychologin. Blicken Sie auf das Gute, indem Sie jedem Missgeschick etwas Positives abgewinnen – machen Sie ein Spiel daraus. Beispiel gefällig? Sie haben den Bus verpasst! Prima, dann freuen Sie sich darüber, dass Sie jetzt ein paar Schritte zu Fuß gehen können und Bewegung haben.

 

Fall 2: Zunehmen bei Stress

Anne, 31, hat Karriere gemacht und ihren ersten Führungsjob als Teamleiterin in einer Werbeagentur ergattert. Nach zwei stressigen Monaten hat sie schon drei Kilo zugenommen.

Was passiert? Negative Gefühle – und dazu gehört auch übermäßiger Stress – machen uns Angst, können uns über kurz oder lang sogar krank machen. Stress untergräbt oft alle guten Ernährungsvorsätze, so wie auch bei Anne: „Manche Menschen vergessen vor lauter Arbeit die wichtige Mittagspause, andere achten überhaupt nicht mehr darauf, was sie essen, und essen wahllos viel zu viel“, beobachtet Claudia Bender. Stress kann aber auch dazu führen, dass wir unser Essen übertrieben kontrollieren wollen und es gerade deshalb aus dem Ruder läuft. Ein Grund für den Kontrollzwang: Wir setzen fälschlicherweise Schlanksein mit beruflichem Erfolg gleich. Doch beruflichen Erfolg kann nur derjenige haben, der mit sich selbst im Reinen ist – die Figur spielt da keine Rolle!

 

Annes Weg zum Ich-Gefühl. Im Berufsleben, gerade wenn man den nächsten Karriereschritt macht oder neu in einem Unternehmen ist, muss man sich bestimmten Gepflogenheiten anpassen. Doch man sollte das Verhalten anderer nicht bedingungslos als Maßstab für das eigene Streben nehmen. „Hören Sie mehr auf Ihr Bauchgefühl, vertrauen Sie auch auf Ihr eigenes Urteil“, empfiehlt die Psychologin.

 

Übung fürs Ich-Gefühl. Entwickeln Sie eine neue Sensibilität für Lebensmittel – beschäftigen Sie sich mit dem, was Sie essen: Tasten, schmecken und fühlen Sie sich langsam an die Sinnenfreuden des Lebens heran, indem Sie anfangen, das Essen endlich wieder richtig zu genießen.

 

Fall 3: Zunehmen nach einer Beziehung

Kathrin, 39, hat jahrelang in einer (vermeintlich) glücklichen Partnerschaft gelebt – dann kam das Aus. Eigentlich genießt sie ihr Single-Dasein, hat viele Freundinnen. Trotzdem hat Kathrin Heißhunger auf einfach alles – und verzweifelt fast daran, dass ihr kaum noch Kleidung passt.

 

Was passiert? Möglicherweise hat Kathrin in einer unerfüllten Beziehung gelebt, in der beispielsweise ein kühler Umgangston herrschte oder in der ihr Partner wenig auf ihre Bedürfnisse eingegangen ist. „Negative Gefühle bahnen sich oft erst nach Ende einer Beziehung ihren Weg und nehmen sich dann ihren Raum“, weiß Claudia Bender. Kathrin stillt nun den emotionalen Hunger der letzten Jahre, in denen sie nur scheinbar in einer heilen Welt gelebt hat. An diesem Beispiel zeigt sich auch, dass der Körper in aller Regel nicht die Ursache des Problems ist, sondern immer nur der Spiegel.

 

Kathrins Weg zum Ich-Gefühl. Frauen in Umbruchsituationen sollten sich fragen, was sie wirklich wollen – eine Checkliste hilft ihnen dabei. Worauf kommt es ihnen jetzt an: den Körper anzunehmen und zu spüren, mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen, Unabhängigkeit zu erreichen, sich wieder anderen Menschen zuzuwenden? Die Unterstützung durch andere kann dabei helfen, den Weg aus einem unkontrollierten Essen zu finden: „Oft können andere das Tor zur Veränderung für uns anstoßen oder öffnen“, so Claudia Bender. „Durchschreiten müssen wir dieses Tor aber selbst, um Kraft und Mut für unseren Weg zu finden.“

 

Übung fürs Ich-Gefühl. Entdecken Sie die Kraft der Musik für sich. Sie macht nicht nur lockerer und fröhlicher, sondern stärkt auch Ihren Änderungs- und Durchhaltewillen. Damit eröffnet sie ganz neue Möglichkeiten für eine gesündere Ernährung. Lauschen Sie bewusst dem Wellenrauschen oder Vogelzwitschern, geben Sie sich ganz einem Rock- oder Sinfoniekonzert hin.

 

 

Bildquellen:

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Datum der Veröffentlichung: 05.11.2015
Beitragsverfasser: Einfach Schlank